In diesem Monat (als Print eigentlich schon im April) ist mein Papier zur Interobjektivität der Medien erschienen.Es ist der erste empirische Versuch, mit einer auf der ANT aufbauenden Perspektive Medientechniken zu beschreiben. Eine erweiterte (und um eine strengere theoretische Einbettung bemühte) Version ist in englischer Sprache im Review, nachdem ich sie letzten Herbst auf der 4s in Washington präsentiert habe.
Das, was wir heute „Social Software“ nennen, ist undenkbar ohne eine Technologie, mit der Inhalte von Rechner zu Rechner, von Server zu Server gebracht werden können, ohne immer gleich den ganzen Ballast der Informationen über ihre Darstellung mitzuschleppen. Eine der bekanntesten Anwendungen für diese Technologie der so genannten Syndikation sind sicherlich Weblogs. Vor allem auch der Umstand, dass zum Schreiben eines Blogeintrages eben gerade keine Kenntnisse darüber nötig sind, wie genau die jeweilige Blog-Plattform mit den Inhalten umgeht, um sie darzustellen, aber auch um sie mit anderen Weblogs zu verknüpfen, hat Blogs ihre Popularität beschert. Dennoch ist es gerade diese Infrastruktur, diese standardisierte Interobjektivitätsform, die es überhaupt ermöglicht, dass sich Blogschreiber auf das reibungslose Mitspielen ihrer Plattformen verlassen können. Weil ihnen Rechner das Aufbereiten, das Propagieren, das Verbreiten, das Verknüpfen und in Beziehung setzen ihrer Beiträge mit ganz anderen Beiträgen und auch mit ganz anderen Plattformen abnehmen, ist die Blogosphäre heute jenes verwobene Netz, dem wir es zutrauen, sogar für die Zukunft des Journalismus verantwortlich zu sein.
Was aber genau jeder einzelne Mitspieler im Geflecht der Weblogs und Syndikationsflüsse machen darf und kann, welche Rolle Nutzer einnehmen kön- nen und welche Aufgaben ihnen abgenommen werden, ist auch heute noch nicht wirklich entschieden. Noch ist diese medientechnische Infrastruktur nicht stabi- lisiert, zumindest drei unterschiedliche Ansätze liegen aktuell vor: RSS 1.0, RSS 2.0 und Atom. Die meisten Blog-Plattformen verstehen zwar inzwischen die unterschiedlichen Formate und Standards, aber eigentlich in einer Variante der kleinsten Gemeinsamkeiten. In die unterschiedlichen Projekte der Einrichtung neuer interobjektiver Interaktionsvermeidung jenseits der massenmedialen Bedingungen sind völlig verschiedene Strukturen der Arbeitsteilung zwischen Menschen und Software eingeschrieben. Welche neuen Formen der Informations- und Redundanzversorgung der modernen Gesellschaft mit der so gerade im Aufbau befindlichen medientechnischen Infrastruktur verbunden sein werden, hängt zu einem großen Teil von der Kontroverse über die Projekte ihrer Einrichtung ab.